Quarantäne-Tagebuch, Woche 1 / Quarantine Diary, Week 1

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Quarantäne-Tagebuch, Woche 1

Tag 2:

Der Höhepunkt des Tages ist der Spaziergang nach dem Mittagessen. Das Wetter ist herrlich, die Luft klar und der Blick auf die Jade Dragon Snow Mountains tut der Seele gut.

Das neueste Spiel: Stöckchen-Wettschwimmen im Bach. Und Fangen – das ist aber bei der Höhe hier (2.400 Meter) ziemlich atem(be)raubend. Danach sind wir ziemlich erledigt!

Zwei Mal täglich, vormittags und nachmittags, marschiert dasmedizinische Personal zum Fiebermessen an.

Wir sind sehr, sehr dankbar, dass das Internet perfektfunktioniert. Wir können arbeiten, Bücher herunterladen, Musik und Hörbücher hören,Kindersendungen streamen und telefonieren. Wie wäre so eine Quarantäne ohneWiFi???

Aber auch „offline“ können wir uns gut beschäftigen: Wirführen ein allabendliches Kniffel-Turnier ein.

Tag 3:

Hochbetrieb im Hotel. Der neueste Erlass derProvinzverwaltung Yunnan greift: Jeder (egal, ob Ausländer oder Einheimischer)muss nach der Einreise in eine 14tägige Quarantäne. Und zwar nicht zuhause,sondern in ausgesuchten Einrichtungen. Plötzlich sind nun also vierzig Zimmerbelegt.

Um die Verbreitung des Virus und Begegnungen mit anderen zu unterbinden,wird uns deshalb nun der tägliche „Freigang“ untersagt. Zum Glück ist unserZimmer groß genug, dass wir uns dann eben verstärkt drinnen bewegen.

Der Hotelmanager hat nun eine WeChat-Gruppe aller „Internierten“angelegt, um die Kommunikation zu vereinfachen. In Deutschland allein ausDatenschutzgründen undenkbar, aber so unendlich praktisch. Einziger Nachteil:Bei über fünfzig Teilnehmern klingelt und piepst es nun minütlich, da jederseine Frühstücks-, Mittag- und Abendessenbestellungen dort aufgibt, inklusiveSonderwüsche. Alles auf Chinesisch natürlich. Aber WeChat wartet mit einertollen Direktübersetzungsfunktion auf, die tatsächlich sehr gut funktioniert.

Das Ergebnis des Schnelltests scheint negativ zu sein,immerhin kommt niemand und holt uns ab. Denn mit einem positiven Testergebniserfolgt die sofortige Übersiedlung in ein Krankenhaus und damit verbunden auchdie völlige Isolation vom Rest der Familie.

Am Nachmittag führe ich das verlinkte Interview mit meiner Freundin Verena. Danke dafür! Überhaupt sind die Reaktionen der Lieben so zahlreich, dass wir Stunden mit Telefonaten und Chats verbringen.

Tag 4:

Titus und Norman studieren den ganzen Tag über eine aufwändige Zirkusnummer ein, mit Akrobatik, Clown-Nummern und atemberaubenden Seiltanz-Darbietungen. Ich sitze derweil den Vormittag über am PC und gehe meiner Korrekturtätigkeit nach.

Peinlich genau wird darauf geachtet, jegliche Interaktion zuvermeiden. Das Essen wird uns in Tüten angeliefert, und nach dem Ende derMahlzeit stellen wir die Tüte mit dem Müll wieder auf den Flur hinaus. Da wirausschließlich aus Wegwerfgeschirr speisen, möchte ich über die Müllmengen, diehier momentan produziert werden, gar nicht nachdenken…

In der WeChat-Gruppe geht es rund, Norman bekommtKontaktanfragen und telefoniert mit einigen der Nachbar, die natürlich wissenwollen, wie es uns „Nicht-Chinesen“ hierher verschlagen hat. Jeder bietet Hilfeund Unterstützung an.

Der Hotelmanager wartet mit einem besonderen Service auf: Ergeht in den Supermarkt. Alle schicken ihm nun also ihre Bestellungen, die ervor Ort akribisch abarbeitet. Uns ruft er wegen jedem Punkt auf derEinkaufsliste extra an, offenbar bestellen wir eher ungewöhnliche Lebensmittel.Am Nachmittag stehen dann drei volle Einkaufstaschen mit Obst, Gemüse, Nudelsuppen,Haferflocken, Süßem, Bier und Wein vor der Tür. Ein Fest!

Tag 5:

Wieder gehe ich vormittags ein paar Stunden derErwerbsarbeit nach – und zwar sehr gerne, denn nun habe ich ja ausreichend Zeitund Muße dafür.

Trotzdem kommen wir nicht einmal annähernd hinterher, die selbst auferlegten Aufgaben und Aktivitäten zu erfüllen. Täglich trudeln neue Beschäftigungstipps bei uns, es gibt Lese-Apps, Musik- und Sportstunden auf YouTube, Reim-Kurse auf Instagram, Live-Konzerte aus der Bayerischen Staatsoper, … Immerhin schaffen wir es, das Schleifebinden anzugehen.

Wir halten am täglichen Sporttraining fest, inzwischen hatsich auch Norman dazu gesellt, und wir kommen in der Höhenlage ganz schön insSchwitzen und Schnaufen.

So langsam geht uns die Unterwäsche aus, und wir fragen nachdem Wäscheservice. Stattdessen stellt man uns eine kleine Plastikwanne undWaschpulver vor die Tür. Auch gut, dann verbringen wir eben ein wenig Zeit mitWäschewaschen. Auf dem Balkon in der Nachmittagssonne trocknet die Wäscheförmlich im Zeitraffer.

Im Nebenzimmer wohnt nun jemand – und zwar eine deutscheFamilie, die in Lijiang ansässig ist. Zu Titus‘ großer Freude sind zwei Kinderin seinem Alter mit eingezogen. Mit gebührendem Sicherheitsabstand kann man vonBalkon zu Balkon „Ich sehe was, was du nicht siehst“ spielen und sichgegenseitig die Kuscheltiere vorführen. Uns hilft die Familie mit Tipps zuunserer Weiterreise, da sie gut Chinesisch sprechen und lesen/schreiben können.

Tag 6:

Sobald am Nachmittag die Sonne auf den Balkon scheint, verlegen wir Kissen nach draußen und verbringen so viel Zeit wie möglich an der frischen Luft. Wir genießen den Bergblick und die warmen Strahlen – die in dieser Höhe schnell zu roten Gesichtern führen.

Inzwischen verstehe ich die Zahl, die die Dame beim Fiebermessen sagt: Sān Shí Liù – 36.

Neben demgemeinsamen Sportprogramm am Vormittag absolviere ich nachmittags immer nocheine Yogaeinheit. Titus begeistert sich für die tägliche Sportstunde von ALBABerlin. Ich glaube, so fit waren wir die ganze Reise noch nicht…

Tag 7:

Heute sind wir sehr gemütlich: Es ist Sonntag, und wirbleiben den halben Vormittag im Bett, wo wir ausgiebig Vorlesen und dort auchfrühstücken. Danach steht Arbeit an, wir ziehen die Betten ab, lüften Kissenund Decken auf dem Balkon und beziehen die Betten danach mit frischerBettwäsche neu. Die wurde uns auf Anfrage angeliefert – denn einenZimmerservice gibt es nicht, alle halten sich so gut es geht von uns fern.

Auch Wäsche wird noch einmal gewaschen. Das klappt dankBadewanne, heißem Wasser, Waschmittel und viel Einsatz von Norman und Titusganz wunderbar.

Zu Mittag gibt es heute einen besonderen Leckerbissen: Dumplings, sogar vegetarisch! Sogar Titus isst davon, bislang hat er sich hauptsächlich von Haferflocken, Toast mit Honig, Rohkost und Äpfeln ernährt.

Hurra, es hat geklappt: Nachdem wir eine Woche lang zweimal täglich weißen Reis mit Gemüse gegessen haben, schafft es Norman mit viel Geduld und Spucke, beim Lieferservice Pizza zu ordern. Dafür muss er mit zwei Handys gleichzeitig hantieren: Auf seinem öffnet er die App und sucht ein Restaurant aus, mit meinem nutzt er die Übersetzungsapp, um herauszufinden, was denn da genau angeboten wird. Das dauert, ist dann aber erfolgreich. Herrlich, Pizza zum Abendessen, dazu Wein und anschließend die tägliche Folge der „Sendung mit der Maus“.


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Quarantine Diary, Week 1

Day 2:

Thehighlight of the day is the walk after lunch. The weather is beautiful, the airis clear and the view of the Jade Dragon Mountains is good for our souls andmood.

The latest game: stick racing competition in the creek. And tag – but given the altitude here (2,400 meters), that’s pretty breathtaking. After that we are exhausted!

Twice aday, in the morning and in the afternoon, the medical staff marches up to takethe temperature.

We arevery, very grateful that the internet is working perfectly. We can work,download books, listen to music and audio books, stream children’s programmesand make phone calls. How would such a quarantine be without WiFi?

But we managealso to keep ourselves busy “offline”: We introduce a daily Yahtzeetournament.

Day 3:

Busy hotel.The latest decree of the Yunnan provincial administration takes effect:Everyone (no matter if foreigner or local) has to go into a 14-day quarantineafter entering the country. And not at home, but in selected facilities.Suddenly, forty rooms are occupied.

In order toprevent the spread of the virus and encounters with others, we are nowforbidden daily “furlough”. Fortunately our room is big enough thatwe can move around in it to stay fit and healthy.

The hotelmanager has now created a WeChat group of all “internees” to simplifycommunication. Unthinkable in Germany for data protection reasons alone, but soinfinitely practical. The only drawback is that over fifty participants nowring and beep every minute, as everyone places their breakfast, lunch anddinner orders there, including special wishes. All in Chinese, of course. ButWeChat comes up with a great direct translation function, which actually worksvery well.

The resultof the quick test seems to be negative, after all nobody comes to pick us up.Because with a positive test result, one would be immediately taken to ahospital and thus completely isolated from the rest of the family.

In the afternoon I do the linked interview with my friend Verena (available only in German). Thanks for that! In general the reactions of the loved ones are so numerous that we spend hours with phone calls and chats.

Day 4:

Titus andNorman spend the whole day rehearsing an elaborate circus act, with acrobatics,clown numbers and breath-taking tightrope walk performances. I spend themorning sitting at my PC and working on my proof-reading job.

Meticulous care is taken to avoid any interaction. The food is delivered to us in bags, and after the end of the meal we put the bag with the garbage back out into the hall. Since we only use disposable dishes, I don’t even want to think about the amount of garbage that is currently produced here…

In theWeChat group things are going well, Norman gets contact requests and phonecalls of some of the neighbours, who of course want to know how we“non-Chinese” ended up here. Everyone offers help and support.

The hotelmanager comes up with a special service: He goes to the supermarket. So noweveryone sends him their orders, which he meticulously processes on site. Hecalls us separately for every item on the shopping list, apparently we orderedrather unusual food. In the afternoon he delivers three full shopping bags withfruit, vegetables, noodle soups, oatmeal, sweets, beer and wine at the door!

Day 5:

Again Iwork a few hours in the morning – and I like it very much, because now I haveenough time and leisure for it.

Neverthelesswe don’t even come close to fulfilling the self-imposed tasks and activities.Every day we have new tips on indoor activities, there are reading apps, musicand sports lessons on YouTube, rhyming courses on Instagram, live concerts fromthe Bavarian State Opera, … At least we manage to tackle ribbon tying.

We stick toour daily sports training, in the meantime Norman has joined us, and we reallystart to sweat and breath heavily in the altitude.

Slowly we run out of underwear and ask for the laundry service. Instead, they put a small plastic tub and washing powder in front of our door. Well, then we just spend some time with laundry. On the balcony in the afternoon sun, the laundry literally dries in fast motion.

In the roomnext to, a German family, who is living in Lijiang, moved in. To Titus’ greatjoy, two children his age are with them. With a proper safety distance theyplay “I spy” from balcony to balcony and show each other the soft toys.The family helps us with tips for our onward journey, as they speak Chinesewell and can read/write.

Day 6:

As soon asthe sun shines on the balcony in the afternoon, we move cushions outside andspend as much time as possible in the fresh air. We enjoy the mountain view andthe warm sun rays – which at this altitude quickly lead to red skin.

Meanwhile Iunderstand the number the lady says while measuring our temperature: Sān ShíLiù – 36.

Apart from the joint sports programme in the morning, I still do a yoga session in the afternoon. Titus is enthusiastic about the daily sports lesson of ALBA Berlin. I feel that we haven’t been in this good shape for the whole trip…

Day 7:

Today we makeourselves very comfortable: It is Sunday, and we stay in bed half the morning,where we read aloud extensively and have breakfast there. Afterwards there aresome household chores waiting. We remove the bed sheets, air the pillows andblankets on the balcony and then put on fresh bed linen. This was delivered tous on request – because there is no room service, everybody tries to keep awayfrom us.

Alsolaundry is done again. Thanks to the bathtub, hot water, detergent and a lot ofeffort from Norman and Titus, this works out perfectly.

For today’slunch a special treat is delivered: Dumplings, even vegetarian! Even Titus eatsthem, so far he has mainly eaten oatmeal, toast with honey, raw vegetables andapples.

Hurray, it worked: After eating white rice with vegetables twice a day for a week, Norman, with lots of patience and spit, manages to order pizza from the delivery service. For this he has to handle two mobile phones at the same time: On his one he opens the app and chooses a restaurant, with mine he uses the translation app to find out what exactly is on offer. That takes time, but is then successful. So we have pizza for dinner with wine and then the daily episode of the famous children’s TV programme “Sendung mit der Maus”.

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