Bei den Terrakotta-Kriegern / The Terracotta Army
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Bei den Terrakotta-Kriegern
Chang’an (heute Xi’an), rund 200 vor Christus:
Qin Shi Huang Di, erster Kaiser des chinesischen Reiches, ordnet unmittelbar nach seiner Krönung im Jahr 246 v. Chr. An, mit dem Bau eines gigantischen Mausoleums zu beginnen. Qin ist zu diesem Zeitpunkt zwar erst 13 Jahre alt, doch hat er hochtrabende Pläne dafür.
36 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt errichten 700.000 Arbeiter, viele davon ausgemusterte Soldaten, Sklaven oder Kriegsgefangene, eine Grabanlage von nie gekannten Ausmaßen. Auf einer Fläche von 56 Quadratkilometer wurden unterirdisch gewaltige Palasträume, Pferdeställe, Büroräume der Beamten, eine Art Zoo, ein Theater und eine Parklandschaft angelegt. Zusätzlich braucht ein Regent auch eine persönliche Armee mitsamt Pferden und Streitwagen, die diesen postmortalen Regierungssitz bewachen sollte.
Wie damals üblich, glaubte auch Kaiser Qin daran, dass seine Seele nach seinem Tode an der Grabstelle verbleibt, und wollte sich das „Leben nach dem Tod“ so angenehm wie möglich machen.
Zum Glück war der Kaiser immerhin schon so fortschrittlich, dass er davon absah, diese rund 6.000 Soldaten umfassende Armee und die anderen Bediensteten mit echten Menschen zu bestücken (und diese lebendig begraben zu lassen). Stattdessen fertigten unermüdliche Töpfer lebensechte Figuren der Hofangestellten an.
Die Arbeit am Mausoleum dauerte 36 Jahre an, und als Kaiser Qin im Jahr 210 vor Christus starb, wurde er mit allem Pomp dort beigesetzt – in Gesellschaft all jener Konkubinen, die ihm keine Kinder geschenkt hatten.
Viele hundert Jahre lang residierten die folgenden Kaiser ganz in der Nähe im heutigen Xi’an, aber keiner verfiel auf die Idee, ein weiteres Mausoleum dieser Größenordnung anzulegen.
Xi’an, 1974:
Die Bauern staunten nicht schlecht, als sie bei den Bohrungsarbeiten für einen neuen Brunnen auf Tonscherben und Pfeilspitzen aus Bronze stoßen. Die zuständige Behörde hörte von den Funden, reiste mit einem Team aus Sachverständigen an – und dieses fand Stück für Stück der heute weltberühmten Terrakotta-Armee. Archäologen gruben weiter, und legten immer mehr der Tonfiguren frei. Die letzte Fundstelle wurde 1980 verkündet. Seither herrscht im gesamten Areal Bauverbot.
Xi’an, 2020:
Die wackere Reisegruppe macht sich frühmorgens inmitten der Pendler mit der U-Bahn auf den Weg zur östlichen Endstation der blauen Linie. Dort finden wir nach einigem Herumirren den Bus Nummer 306, der auf die Minute pünktlich um 9 Uhr abfährt. Gut 30 Kilometer weit geht es für 5 Yuan (rund 60 Cent) pro Person, die die Busbegleiterin fachmännisch während der Fahrt einsammelt, Richtung Nordosten.
Weltkulturerbe Terrakotta-Armee
Das Ziel ist leicht zu erkennen: Gleich mehrere riesige Parkplätze kündigen die Terrakotta-Armee an. Bis auf eine Handvoll Autos sind sämtliche Parkbuchten verlassen, und auch vor dem Kartenbüro, das die Ausmaße eines Einkaufszentrums hat, ist kaum eine Menschenseele.

Wir schaffen es, Eintrittskarten zu erstehen und den Einlass durch das Vorzeigen diverser Gesundheitszertifikate, Tracking Apps und der Reisepässe bei der leicht überforderten Beamtin durchzusetzen.
Zuerst wartet ein längerer Fußmarsch auf uns, denn bis wir zu den Fundstellen der Tonfiguren gelangen, müssen wir erst eine perfekt gepflegte Parkanlage durchqueren. Leider haben entgegen unserer Erwartung sämtliche Cafés hier geschlossen, und wir müssen uns am zum Glück gut bestückten Automaten mit Keksen, koffeinhaltigen Getränken und Trinkjoghurt versorgen. Während unseres Mahls setzt sich selbstbewusst eine 70jährige Rentnerin zwischen uns und lässt ihren Sohn Fotos von sich und ihren neuen, ausländischen Freunden schießen.
Endlich betreten wir die Haupthalle mit der bislang größten Grube. Auch wenn wir natürlich viele Fotos davon gesehen haben, sind wir beeindruckt von der puren Größe der hier aufgestellten Streitmacht.

Die Figuren, alle mehr als lebensgroß (1,85-2 Meter), sind in voller Rüstung dargestellt, und nach einer Weile entdecken wir, dass jede von ihnen ganz individuell gestaltet ist. Verschiedenste Frisuren, Körperfülle und –haltung, Gesichtszüge (mit einzigartigen Nasen, Ohren, Augen, Lippen) und Handhaltung lässt die Soldaten höchst lebendig wirken. Keine zwei gleichen sich. Die zwischen den Soldaten platzierten Pferde sind ähnlich detailgetreu gestaltet.

Von den zu den Pferden gehörenden Streitwagen, die aus Holz und Bronze gefertigt waren, sind kaum Überreste erhalten, auch die Waffen sind bis auf die Pfeil- und Speerspitzen kaum noch auffindbar, und die nachweislich detailliert und lebensechte Bemalung der Figuren ist im Lauf der Jahrhunderte fast gänzlich verschwunden. Doch das tut der Faszination keinen Abbruch, ganz im Gegenteil. Für Titus ist am Spannendsten, dass die Ausgrabungen noch längst nicht vollendet sind, sondern in den insgesamt drei Hallen noch andauern. Nur ein Viertel der Anlage ist bislang überhaupt freigelegt, und vor allem in Halle 3 sind bisher nur Bruchteile der dort befindlichen Figuren überhaupt schon zu sehen. Eindrucksvoll können wir sehen, dass die Terrakotta-Soldaten zum Großteil zerbrochen sind und mühsam per Handarbeit zusammengesetzt werden müssen. Ein gigantisches Puzzle aus Tonscherben! Titus ist sehr angetan von meinem Vorschlag, dass er in 50 Jahren noch einmal herkommen und die Fortschritte der Ausgrabungsarbeiten besichtigen könnte.

Wir sind übrigens ziemlich zufrieden damit, dass wegen der Grenzschließung in Zeiten von Corona kein einziger anderer ausländischer Tourist hier ist, und an einem Montag sind auch nur wenige chinesische Besucher da. Normalerweise ist es in den Hallen so voll, dass kaum ein Durchkommen ist.
Nachdem wir uns noch genauestens die verschiedenen Krieger (Bogenschützen, Infanterie, Kavallerie,…), die rekonstruierten Streitwagen und Kutschen sowie die Pferde, Rüstungen und Waffen in der Sonderausstellung angeschaut haben, lassen wir uns in einem der vielen kleinen Lokale, die am Ausgang liegen, eine Nudelsuppe schmecken. Hier zeugen Souvenirstände, Versammlungshallen und internationale Restaurantketten davon, dass zu normalen Zeiten mit einem größeren Ansturm als heute zu rechnen ist.

Weltkulturerbe Mausoleum Qinshuangdis
Nach der Mittagspause fahren wir mit dem Shuttlebus ein paar Kilometer weiter zum eigentlichen Mausoleum. Schon von weitem können wir den grün bewachsenen Hügel sehen, unter dem eine ganze „Totenstadt“ liegt.
Hier ist noch weniger los, fast alleine streifen wir auf dem weitläufigen Gelände umher. Eine Außenmauer umgibt den Grabhügel mit einer Länge von insgesamt sechs Kilometern. Im Innern befinden sich weit unter der Erde die oben schon erwähnten Palasträume, von denen wir aber nur noch den Pferdestall besichtigen. Das Grabinnere ist bislang archäologisch unangetastet.
Die Wege hier sind weit und inzwischen ist es bereits später Nachmittag. Wir treten also den Rückweg an, und da der nächste Bus erst in über einer Stunde fahren soll, gönnen wir uns ein Taxi, das uns für umgerechnet 11 Euro die 30 Kilometer bis zur U-Bahn-Station bringt. Nach so viel Historie, spannenden Geschichten und beeindruckenden Zeugnissen aus vergangenen Zeiten begnügen wir uns mit einer Brotzeit in unserer Unterkunft. Ich steige danach tatsächlich noch ein wenig mehr in die chinesische Geschichte ein und schaue vor dem Einschlafen „Der letzte Kaiser“.
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The Terracotta Army
Chang’an (today Xi’an), around 200 B.C:
Qin Shi Huang Di, first Chinese emperor, orders immediately after his coronation in 246 B.C. to start building a gigantic mausoleum. Although Qin is only 13 years old at this time, he has ambitious plans for it.
36 kilometers northeast of the capital, 700,000 workers, many of them decommissioned soldiers, slaves or prisoners of war, are now building a tomb of unprecedented dimensions. Covering an area of 56 square kilometres, enormous underground palace rooms, horse stables, offices, a kind of a zoo, a theatre and a park landscape are built.
And a regent also needs a personal army, including horses and chariots, to guard this postmortem seat of government.
Following the common belief at the time, Emperor Qin believed that his soul would remain at the grave site after his death, and wanted to make “life after death” as pleasant as possible for himself.
Fortunately, the emperor was already so progressive that he refrained from equipping this army of about 6,000 soldiers and the other servants with real people (and to have them buried alive). Instead, tireless potters created lifelike figures of the court servants.
The work on the mausoleum lasted 36 (or 38) years, and when Emperor Qin died in 210 B.C., he was buried there with all the pomp and ceremony – in the company of all those concubines who had not given him children.
For many hundreds of years, the following emperors resided nearby in what is now the city of Xi’an, but none of them had the idea of building another mausoleum of this size.
Xi’an, 1974:
The farmers were amazed when they came across broken clay and bronze arrowheads while drilling for a new well. The responsible authorities heard about the finds, arrived soon after with a team of experts – and they found piece by piece the now world-famous terracotta army. Archaeologists continued to dig and excavated more and more of these clay figures. The last find was announced in 1980. Since then, building has been prohibited in the entire area.
Xi’an, 2020:
Early in the morning, our small travel group takes the subway to the eastern terminus of the blue line, amidst the commuters. There, after some wandering around, we find bus number 306, which leaves punctually at 9 am. It takes a while to drive a good 30 kilometres in northeastern direction. The bus tickets are sold for 5 Yuan (approximately 60 cents) per person by the bus attendant during the trip.
World Cultural Heritage Terracotta Army
The destination is easy to recognize: Several huge parking lots announce the site of the Terracotta Army. Except for a handful of cars, all parking bays are deserted, and there is hardly a soul in front of the ticket office, which has the dimensions of a shopping centre.

We manage to buy tickets and enforce entry by showing various health certificates, tracking apps and passports to the slightly overwhelmed officer.
First, a long walk is waiting for us, as until we reach the archeological sites where the clay figures were found, we first have to cross a perfectly maintained park.

Unfortunately, contrary to our expectations, all cafés here are closed and we have to get some cookies, caffeinated drinks and yogurt at the fortunately well equipped automat. During our meal a 70 year old pensioner sits confidently between us and lets her son take pictures with her new friends from abroad.
Finally we enter the main hall with the largest pit so far. Even though we have of course seen many photos of it, we are impressed by the sheer size of the army set up here. The statues, all more than life-size (1.85-2 meters), are shown in full armor, and after a while we discover that each of them has been individually designed. Different hairstyles, body sizes and postures, facial features (with unique noses, ears, eyes, lips) and hand positions make the soldiers look very much alive. No two are alike.


The horses placed between the soldiers are designed with similar attention to detail. Of the chariots belonging to the horses, which were made of wood and bronze, hardly any remains have been preserved. Even the weapons, except for the arrow and spearheads, are hardly to be found, and the demonstrably detailed and lifelike painting of the figures has almost completely disappeared over the centuries. But this does not detract from the fascination, quite the contrary.

For Titus, the most exciting part is that the excavations are far from being completed, but are still ongoing in the three different halls. Only a quarter of the site has been uncovered at all, and in Hall 3 in particular, only a few statues has been excavated so far. We can impressively see that the terracotta soldiers are mostly broken and have to be laboriously assembled by hand. A gigantic puzzle made of clay pieces! Titus is very pleased with my suggestion that he could come back in 50 years and see the progress of the excavation work.

By the way, we are quite happy with the fact that, because of the closure of the border in times of Corona, not a single other foreign tourist is here, and on a Monday there are only a few Chinese visitors. Usually the halls are so crowded that there is hardly any way to get through.
After having a close look at the different warriors (archers, infantry, cavalry, …), the reconstructed chariots and carriages as well as at horses, armours and weapons in a special exhibition, we enjoy a noodle soup in one of the many small restaurants at the exit. Here, souvenir vendors, assembly halls and international restaurant chains testify that at normal times, a bigger rush than today is expected.

World Cultural Heritage Mausoleum of the First Qin Emperor
After the lunch break we take the shuttle bus a few kilometers further to the actual mausoleum. Already from a distance we can see the green overgrown hill, 76 meters tall and shaped like a pyramid, under which a whole “necropolis” lies.
Here are even less visitors, almost alone we roam around on the extensive area. An outer wall surrounds the burial mound with a total length of six kilometres. Inside, far below ground, are the above mentioned palace rooms, of which we only visit the horse stable. The interior of the tomb is still archaeologically untouched.

The paths are long and in the meantime it is already late afternoon. So we start our way back and as the next bus is not supposed to leave for more than an hour, we allow ourselves to take a taxi for the 30 kilometres to the subway station. After so much history, exciting stories and impressive testimonies of past times, we are satisfied with a snack in our accommodation. After that I actually dig a little deeper into Chinese history and watch “The Last Emperor” before falling asleep.
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