Gehen oder Bleiben? / Should we stay or should we go?
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Gehen oder Bleiben? Reisen in Zeiten einer Pandemie
In den vergangenen Beiträgen habe ich schon kurz angerissen, dass unsere Reise nicht ständig wie aus einem TUI-Katalog entsprungen zu sein scheint. Ganz im Gegenteil, gerade die letzten Wochen stellten uns als Individualreisende vor einige Schwierigkeiten. Und die dazugehörigen Entscheidungen der zurückliegenden Wochen und Tage haben wir uns nie leicht gemacht.
Der Wunsch nach Vertrautem
Auch uns treibt die Sorge um die Familienmitglieder in Deutschland um, auch wir wären jetzt gerne in einem vertrauten Umfeld und in der Nähe von lieben Menschen. Immerhin haben uns die knapp drei Jahre in Singapur gezeigt, dass man sich nicht räumlich nahe sein muss, um eng verbunden zu sein. Und doch lockt gerade in schwierigen Zeiten das „Nest“.
Darüber haben wir lange und ausgiebig reflektiert. Woher kommt das immer wieder aufkommende Gefühl, doch auf schnellstem Wege in die Heimat reisen zu wollen? Und ist das bei rationaler Betrachtung denn wirklich ratsam?
Zunächst einmal: Wo sollen wir hin? Wir haben zwar die deutsche Staatsbürgerschaft und damit aktuell jedes Recht auf Wiedereinreise in die EU – aber wir haben momentan keinen Wohnsitz. Und zwar nicht nur im übertragenen, sondern auch im wörtlichen Sinne: Wir haben kein Zuhause.
Der Container mit unserem gesamten Hab und Gut ist zwar seit zwei Wochen wohlbehalten in Deutschland auf einem Lagerplatz, in unsere Münchner Wohnung können wir aber dennoch erst zum 1. August wieder einziehen. Die ist nämlich seit unserem Umzug nach Singapur vermietet.
In Deutschland in ein Hotel zu gehen, scheint uns ebenso wenig sinnvoll zu sein, wie uns bei Eltern oder Freunden einzuquartieren. Denn die leben in der Mehrheit in Bayern, wo strenge Ausgangsbeschränkung herrscht und wir den Lagerkoller höchstens noch steigern würden. Mal ganz abgesehen davon, dass wir nach einer Rückreise per Flugzeug und Bahn auch noch das Risiko einer Ansteckung tragen und mitbringen. Wem wäre damit geholfen?
Heimreise um jeden Preis?
Von Europa aus betrachtet, mag es seltsam scheinen, dass wir unsere Reise immer noch fortsetzen – wenn auch viel langsamer. Doch seit rund um China sämtliche Nachbarländer die Grenzen geschlossen haben, gibt es für uns keine Möglichkeit, wie geplant auf dem Landweg auszureisen.
Und auf telefonische Nachfragen bei den großen Fluggesellschaften haben wir nur erfahren, dass in den nächsten drei Wochen auch keine Flüge von China nach Deutschland gehen. Natürlich gäbe es die Möglichkeit, mit vier Mal Umsteigen und einem Abstecher über Shanghai – Bangkok – Tokio nach Frankfurt zu gelangen. Aber ob das nun wirklich der Weisheit letzter Schluss ist, überlasse ich jedem selbst. Nur so viel: Die Preise dafür liegen für drei Personen im fünfstelligen Bereich.
Damit wir uns richtig verstehen: Wäre unsere Gesundheit massiv bedroht, würden wir hier wegen der Einschränkungen nicht mehr zurechtkommen, da die Versorgung mit Lebensnotwendigem nicht mehr sichergestellt ist, oder hätten wir das Gefühl, nicht willkommen zu sein oder sogar angefeindet zu werden – wir würden mit wehenden Fahnen ohne Rücksicht auf die Kosten die nächste Gelegenheit zur Ausreise ergreifen.
Aber die von der Bundesregierung initiierte Rückholaktion, bei der überall auf der Welt gestrandete Urlauber mit großem Einsatz „heimgeholt“ werden, wollen wir gar nicht erst nicht in Anspruch nehmen. Denn befinden wir uns in einer Notfallsituation? Nein: Kein Arbeitgeber erwartet uns, unsere Gesundheit ist nicht bedroht, und wir haben finanzielle Rücklagen, um eine Rückreise notfalls selbst bezahlen zu können.
Das Beste daraus machen
Wir haben sogar Glück im Unglück, sind wir doch in einem Land und einer Region gelandet, in der es finanziell machbar ist, mehrere Wochen auszuharren. Denn natürlich haben wir ein straff kalkuliertes Reisebudget, schließlich hat der Hauptverdiener unbezahlten Urlaub und damit keinerlei Einkommen und ich arbeite nur das Nötigste. Das Ersparte muss also vorsichtig eingeteilt werden, und in China kommen wir aktuell mit dem errechneten Tagesbudget locker hin, da hier die Preise für Übernachtungen, Transport und Lebensmittel so günstig sind.
Als Covid-19 zur Pandemie wurde, dachten wir, dass wir an einem Wendepunkt unser von langer Hand geplanten Reise stehen. Nach nicht einmal zwei Monaten unterwegs sollte alles vorbei sein? Doch statt einem abrupten scheint es nun eher auf ein schleichendes Ende hinauszulaufen. Wir planen immer nur ein paar Tage im Voraus und haben uns innerlich nach langem Hadern bereits von der ursprünglich geplanten Route verabschiedet.
Natürlich ist das schade. Wir hatten uns so viele Jahre auf diese Familien-Auszeit gefreut. Nachholen kann man zwar vieles, aber eine so lange gemeinsame Auszeit werden wir uns wohl, solange unser Sohn schulpflichtig ist, nicht mehr nehmen (können).
Ein vielversprechendes Buchprojekt muss jetzt mitsamt den damit verbundenen Einnahmen ad acta gelegt werden, und der schwer arbeitende Norman hatte sich ja extra für diese Reise eine sechs Monate lange Auszeit vom Büro genommen.
Aber so lange die Reise noch nicht endgültig vorbei ist, genießen wir Tag für Tag, den wir mit neuen Eindrücken füllen können. Im Gegensatz zu den vielen Menschen, die weltweit um ihre Arbeitsplätze bangen müssen, mit den Ausgangssperren hadern und mit den Anforderungen von Homeoffice und Kinderbetreuung kämpfen, sind wir in einer geradezu privilegierten Lage. Das wissen wir.
Und selbst vor Ort zu erleben, wie das Leben in China ganz, ganz langsam und vorsichtig wieder Fahrt aufnimmt, lässt uns weiterhin optimistisch bleiben.
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Should we go or should we stay? Travelling in Times of a Pandemic
In the previous posts I have already briefly touched on the fact that our journey does not always seem to have originated from a travel brochure. On the contrary, the last few weeks in particular have challenged us as individual travellers with quite some difficulties. The decisions we had to make during the past weeks and days never came easily.
Back to the Roots
We too are concerned about the family members in Germany, we too would like to be in a familiar environment and close to dear people. After all, spending almost three years overseas have proven that you don’t have to be close to each other to be closely connected. And yet it is precisely in difficult times that the feeling urges us to go back to the roots.
We have reflected on this long and extensively. Where does this feeling come from? Should we really travel home as quickly as possible? And is that advisable on rational consideration?
First of all: Where should we go? Although we have German citizenship and thus currently have every right to re-enter the EU – we have no place of residence at the moment. And not only figuratively, but also literally: we have no home.
Although the container with all our belongings has been safely arrived in Germany and is stored since two weeks, we can only move back into our apartment in Munich on August 1. It has been rented out since we moved to Singapore.
Going to a hotel in Germany seems to make as little sense to us as staying with parents or friends. The majority of them live in Bavaria, where there are strict curfew restrictions and we would only increase the camp fever. Not to mention the fact that after a return trip by plane and train we also bear the risk of an infection and bring it with us. Who would be helped by that?
Going home at all costs?
Looking at it from Europe, it may seem strange that we are still continuing our journey – even much slower. But since all the neighbouring countries around China have closed their borders, there is no possibility for us to depart overland as planned.
And in response to telephone enquiries with the major airlines, we have only learned that there are no flights from China to Germany for the next three weeks. Of course there would be the possibility to get to Frankfurt via Shanghai – Bangkok – Tokyo changing planes four times and with a huge detour. But if that really is the be-all and end-all is up to you. Just this much: The prices for flight tickets for three people are in the five-digit range.
So that we understand each other correctly: If our health were massively threatened, if we would not be able to get by here because of the restrictions, as the supply of essential necessities is no longer guaranteed, or if we had the feeling of not being welcome or even face hostility – we would not hesitate a second to leave regardless of the cost.
But we don’t even want to take advantage of the repatriation campaign initiated by the German Federal Government, in which stranded holidaymakers all over the world are brought home with great effort. Are we in an emergency situation? No: No employer is expecting us, our health is not threatened, and we have financial reserves to be able to pay for a return trip ourselves if necessary.
Making the best of it
We are even lucky in misfortune, having landed in a country and region where it is financially feasible to hold out for several weeks. After all, the main earner has an unpaid leave and therefore no income and I only work the bare essentials. So the savings have to be divided carefully, and in China we can easily manage to live on the calculated daily budget, as the prices for accommodation, transport and food are so low here.
When Covid-19 became a pandemic, we thought that we were at a turning point in our long-planned journey. After not even two months on the road everything should be over? But instead of an abrupt one, it seems to become an end more subtle. Now we plan only a few days in advance and after a long inner fight we have already said goodbye to the originally planned route.
Of course this is a pity. We had been looking forward to this family time out for so many years. You can catch up on a lot of things, but we will probably not be able to take such a long time out together as long as our son is of school age.
A promising book project has to be shelved now, along with the associated income, and the hard-working Norman had taken a six-month break from the office especially for this trip.
But as long as the journey is not yet over, we enjoy day after day, which we can fill with new impressions. In contrast to the many people around the world who have to fear for their jobs, struggle with curfews and the demands of home office and childcare, we are in an almost privileged position. We know that.
And even seeing life in China slowly and cautiously picking up speed on the ground helps us to remain optimistic.
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